Eine Wertschätzung - von Silke Hohmann

wir haben es alle probiert: Die Beine standen hüftbreit auseinander, die Knie wippten elas­tisch, der Blick war konzentriert auf das zwei Schritte entfernte Garagentor gerichtet. Im­mer wieder schnellte die Hand zur Hüfte und dann der Zeigefinger nach vorn, peng. Vergeblich. Es blieb eine Übung ohne jeden Erfolg, selbst bei Überraschungsangriffen. Dass jemand, Superman angeblich, schneller sein sollte als das Licht, war ja schön und gut. Aber schneller zu sein als der eigene Schatten, das war allein dem Comic-Cowboy Lucky Luke vorbehalten und überaus Respekt einflößend. Einer, der dem eigenen Schat­ten ein Schnippchen schlagen konnte, das musste eine wahre Lichtgestalt sein, denn niemand hatte je einen anderen das Licht so souverän bezwingen sehen.

 

Licht (und damit auch Schatten) zählt immerhin zu den seltsamsten Dingen der Welt, weil es einerseits vollkommen alltäglich und banal daher kommt, andererseits aber zu den geheimnisvollsten Phänomen gehört, die man sich vorstellen kann – beziehungsweise nicht vorstellen kann. Denn was genau es nun mit diesen herabregnenden Elektronen, die für das Leuchten verantwortlich sein sollen, auf sich hat, daran beißt sich die Elite der Elektrophysik selbst heute noch die Zähne aus. 

 

Dabei fängt das Licht schon in der ersten Sekunde unseres Daseins an, uns zu beschäftigen, wenn wir das „Licht der Welt“ erblicken – oder besser: erblinzeln. Da scheint es zunächst eine sehr unangenehme, verstörende Erscheinung zu sein, die uns später aber umso mehr ans Herz wächst, während wir die Dunkelheit zunehmend fürchten lernen. Meist beschäftigen wir uns im Laufe des Lebens ein paarmal damit, sei es vor der Garagenwand im Lucky-Luke-Experiment, sei es bei Sonnenschein mit der Lupe und einem Stück Papier oder viel später in der ersten eigenen Wohnung, wenn es gilt, die Lüsterklemme mit der nackten Birne an der Decke gegen irgendetwas einzutauschen, das netter aussieht und auch alles andere netter aussehen lässt.

 

Das gelingt alles mal besser und mal schlechter, was aber bleibt, ist das unterschwellige Gefühl, dass Licht etwas sehr Kompliziertes ist. Es wird für im­-mer eines der großen Rätsel sein, das ungelöst bleiben muss, bis an unser Ende, wenn es langsam wieder dunkel um uns wird. Und auch wenn die letzten Worte des alten Goethe anders gelautet haben mögen als der so treffend kolportierte Wunsch nach „mehr Licht“ – zumindest sind sie gut erfunden und ein wahrer Ausspruch.

 

Und auch wenn wir viel zu wissen glauben, müssen wir doch zugeben: Wir haben vom Licht keine Ahnung. Unsere Bewertungskriterien wie „zu dunkel“ oder „zu grell“ sind in etwa so differenziert, als würden wir beim Verzehr eines mehrgängigen Sternekoch-Menüs das Geschmacksurteil „heiß“ oder „kalt“, „viel“ oder „wenig“ fällen. Das ist na­türlich überhaupt nicht schlimm, denn nicht jeder kann ein Experte für alles sein, und gewisse Dinge braucht man nicht unbedingt zu beherrschen. Allerdings sollte man aber darüber Bescheid wissen, dass es so ist. Und zur Kenntnis nehmen, dass es gerade in Sachen Licht erhebliche Unterschiede in der Könnerschaft und den Kenntnissen darüber gibt.

 

Auch wenn wir denken, Licht sei etwas so Gewöhnliches, dass wir automatisch da­mit umgehen können, müssen wir lernen, dass andere diese Dinge vielleicht besser für uns übernehmen sollten. Sterneköche der Lichtkultur wie serien.lighting etwa. Denn sie beherrschen die Materie wirklich – nicht nur im Sinne einer Licht-Wissenschaft, in der sie genau wissen, wann welches Licht in welcher Qualität zu welcher Gelegenheit passt. Sondern auch in der zweiten Kunst, für das jeweilige Licht auch immer das richtige Rahmenprogramm im Sinn zu haben – das richtige Design. 

 

Denn das rätselhafte Material Licht selbst ist ja keineswegs sichtbar. Erst, wenn es auf einen Empfänger gestoßen ist, macht es sich breit. Ohne Gegenüber bleibt es da­gegen unsichtbar und formlos. Erst durch das Auftreffen auf entsprechende Objekte wird es lebendig und wertvoll. Einstweilen wird es nur von seinem Stellvertreter repräsentiert, der Lampe, oder besser: Der Leuchte. Ist es doch in erster Linie die Sendestation selbst, die wir als Lichtquelle wahrnehmen. Und die will sich gut ins Drumherum einreihen, ohne sich in den Vordergrund zu spielen.

 

Um bei der Küchen-Metapher zu bleiben: Wenn den Menschen an der Suppe am meisten der Löffel auffällt, weil er ein so besonderes Design, ein ungewöhnliches Material oder eine ungewohnte Form hat, dann stimmt etwas nicht mit den Verhältnissen. Dann stiehlt das Werkzeug dem eigentlichen Material, der Suppe, die Schau. Besser, er hinterließe ein­fach nur ein zufriedenes Gefühl und würde überdies auch einer genaueren Un­ter­suchung standhalten, falls jemand genauer hinschauen würde: Nicht zu aufdringlich, trotzdem gut geformt und von hochwertiger Qualität. Ein bescheidener, aber selbst­bewusster Dienstleister, der es nicht nötig hat, mit Effekten auf sich aufmerksam zu machen. 

 

Solche Leuchten stellt serien.lighting her: Unaufdringlich und der Funktion verpflichtet, aber bei genauerem Hinsehen in jeder Hinsicht hochwertig und durchdacht. Bloß, dass man ihnen die ganze Entwicklungsarbeit nicht ansieht. Manchen sieht man nicht mal ihre technische Ausgeklügeltheit an, weil sie die elektrischen Details für sich behalten, statt sie zu Markte zu tragen.

 

Dann wiederum gibt es bestimmte Gelegenheiten, an denen ein spielerisches Moment gefragt ist und das Licht in seiner ganzen Eigenartigkeit sich selbst thematisiert. Licht zum Beispiel, das in Zickzack-Form daher kommt oder in verschiedenen Farben und das seine gestalterische Verantwortung selbstbewusst darstellt. Auch solche Leuchten kommen von serien.lighting mit einer Selbstverständlichkeit, die nur aus einer langen Erfahrung und Liebe zur Materie entstehen kann, zum merkwürdigen, eigenartigen und komplizierten Stoff „Licht“. Ein Überlisten des Lichts, wie bei den Super- und Comic­helden gesehen, ist dabei gar nicht nötig. Vielmehr ist es ein respektvolles Zähmen und In-Bahnen-Lenken. So hat das Team von serien.lighting es vielleicht noch nicht geschafft, schneller zu sein als der Schatten von Lucky Luke (vielleicht aber auch doch). Würden sie es versuchen, würden sie dafür mit Sicherheit eine schöne Form finden.