Welf Örtel: Von Eierlegern und Wollmilchsäuen
Die meisten populären Highlights des Designs glaubt man zu kennen, ohne sie je benutzt zu haben. Ich weiß zum Beispiel nahezu alles über den berühmten Lounge Chair von Charles und Ray Eames – nur nicht, wie es sich anfühlt, eine Weile darin gesessen zu haben (nie würde ich mich im angesagten Interior House als Greenhorn outen, indem ich das zugebe...). Don’t judge a book by its cover! Gebrauchsgegenstände nur in ihrer Eigenschaft als Schaufensterauslage (oder als Fotomodell) zu beurteilen, wird den Produkten nie ganz gerecht.
Im Falle von serien.lighting wäre das sogar grob fahrlässig. Schon um die eher poetischen Modelle Magic und Poppy zu begreifen, muss man sie mindestens einmal in Funktion erleben: Sie zelebrieren eine Verwandlung im eingeschalteten Zustand, die Entfaltung der bimetallenen „Blütenblätter“ durch die unvermeidliche Lichtwärme. Die meisten Leuchten von serien.lighting existieren in mehreren Erscheinungsformen. Ich meine damit nicht, dass Sie die gleiche Leuchte mit blauem oder grünem Schirm haben können. Nein, das geht deutlich weiter. Es geht hier um Leuchten, die sich so gar nicht damit begnügen, eine einzige definierte Gestalt oder Funktion zu haben.
Angefangen hat es für meine Begriffe schon 1984 mit Lift – einem Entwurf da Costas, der serien.lighting als Hersteller quasi ins Leben gerufen hat und den man nach 20 erfolgreichen Jahren am Markt mit Fug und Recht einen Klassiker nennen darf. Die deutlichen Anzeichen der Gestaltveränderung, hier in der Funktion „Höhenverstellbarkeit“, sind ein wichtiger Bestandteil der optischen Gesamterscheinung dieser kleinen Pendelleuchte. Lift ist ein Entwurf, der dieses „funktionale Versprechen“ nicht nur (selbstverständlich) einlöst, sondern es zur ästhetischen Hauptbotschaft erklärt. Die Abkehr von der reinen Lehre funktionalistischer Vernunft, die im deutschen Design erst Anfang der Achtziger forciert wurde, hat auch serien.lighting seinerzeit vollzogen – indes ohne all die schrillen und schrägen Albernheiten, die uns diese Epoche beschert hat. Auch der Produktname ist nicht bloß funktionserläuternd, sondern hat durchaus humoristische Züge: Einerseits bedeutet „to lift“ natürlich genau das, was ich mit ihr machen kann. Andererseits assoziiere ich, vielleicht durch die Großschreibung des Namens, eine lustige Reihe kleiner Paternoster, in der emsigen Betriebsamkeit unermüdlicher Auf- und Ab-Bewegungen...
Fast zehn Jahre später ist den Designern Uwe Fischer und Achim Heine, damals noch alias GINBANDE, ein weiterer herausragender Wurf gelungen, der ebenso konsequent in der Tradition ihrer eigenen Arbeiten bis dato steht, wie er an die Auffassung von serien.lighting anknüpft. Bei Take Five, der Auszieh-Leuchte, führt eben dieses Versprechen der Veränderung tatsächlich zu drei grundverschiedenen „Aggregatszuständen“ der Gestalt. In der kompaktesten Stellung, also gänzlich unausgezogen, bilden die fünf Linienglühlampen der Ur-Version eine quadratische Fläche aus Licht. Auf volle Länge gebracht, ergeben sie eine schnurgerade Linie von beeindruckenden 150 Zentimetern Länge. Die Zwischenstadien allerdings kommunizieren erfahrungsgemäß das Versprechen am deutlichsten, weshalb die Leuchte auch vorzugsweise in diesem Zustand fotografiert wird. Warum ist eine verstellbare Leuchte in meinen Augen so was Besonderes? Gab’s doch tausendfach schon vorher! Der Unterschied zu der Heerschar von höhen- und sonst wie verstellbaren Tischbeleuchtungen ist, dass die Veränderbarkeit hier das entscheidende Wesensmerkmal der Leuchten darstellt. Hinzu kommt, dass sich eine Lust zum gestalt-verändernden Eingriff beim Betrachter einstellt, die nicht unbedingt mit der praktischen Funktionalität – die Leuchte verhält sich analog und adäquat zum Auszieh-Tisch – zu tun hat. Als „Einladung zum Umgestalten“ hat Uwe Fischer das damals in einem Interview mit mir bezeichnet. (Mag sein, dass die ersten Exemplare der Tizio von Richard Sapper damals einen ähnlichen Spieltrieb hervorriefen...)
Wieder etliche Jahre später setzte Floyd Paxton noch einen drauf: Er bog das Scherengitter und schloss es zu einer Kreisform, deren Durchmesser sich mit ebenso simplem Handgriff wie bei Take Five in der Länge verändern lässt. Wie bei Lift ist der Name wieder eindeutig programmatisch: Zoom. Der Entwurf knüpft in jeder Hinsicht an die Tugenden von Take Five an, dabei mit erfreulich verschlanktem Produktionsaufwand. Für das Scherengitter, bei der Lösung von GINBANDE mit eleganten, aber komplexen Kunststoff-Formteilen realisiert, genügen Zoom mit Spezialfolie hinterlegte Federstahlbänder. Die Leuchtmittel sind ebenfalls unverkleidet und an den Kreuzungspunkten der Scheren befestigt, liegen aber im Innern des Zylinders; dadurch fungiert die Schere im geschlossenen Zustand als perfekter Schirm. Obwohl die formale Distanz zu einer schlicht technischen Konstruktion hier geringer ist, entfaltet die Leuchte eine fast ironische Prächtigkeit, die sie eindeutig zum modernen Kronleuchter qualifiziert. Wird das Scherengitter weiter geöffnet, blitzen die Lichtquellen seitlich hindurch, und das ergibt den für den Kronleuchter obligaten Glitzer-Effekt auf allem, was er erhellt. Dies gilt natürlich besonders für die Mehrfach-Kaskade, bei der bis zu fünf Ringe konzentrisch übereinander hängen.
Der Clou allerdings ist die „Ich bin 3 Öltanks!“-Leuchte Jones, ein Entwurf von Uwe Fischer aus dem Jahre 1999. Hier wird – ganz in der Tradition des Understatements der frühen serien.lighting-Jahre – mit der Gestalt zunächst gar nichts von dem versprochen, was die vermeintlich vertraute Stehleuchte kann. (Wenn man mal davon absieht, dass der etwas komplexe Schaft bei einer serien-Leuchte natürlich kein Selbstzweck sein kann.) Eine prima dezente Eckensteherin mit zeitgemäßem Lounge-Appeal. Um die ganze Wahrheit über die rätselhafte Leuchten-Dame ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, kommt der Verkaufskatalog allerdings nicht ohne ein Schema für die Beleuchtungsvarianten aus (das hat man dann von der Bescheidenheit...). Denn Jones ist nicht mehr, aber eben auch nicht weniger als eine veritable Wollmilchsau: Herrlich effizientes Leselicht, stimmungsvolle Schirmleuchte und echter Deckenfluter in einem. Dies geschieht mit nur einem einzigen Leuchtmittel und derart verblüffender Einfachheit, dass man nur neidvoll den Hut ziehen kann: Die Lampe durchwandert die Leuchtenkonstruktion inklusive Schirm und farbigem Diffusor in der Höhe – ein raffinierter Seilzug und ein Reflektor im Innern des Schirms machens möglich. Dagegen wirken all die Klapp- und Zusatzlämpchen anderer Bemühungen um das leidige Thema „Wie viele Lichtquellen braucht ein Wohnzimmer?“ hoffnungslos umständlich!
Die Legendären am Leuchtenmarkt haben ihren Ruf nicht umsonst. An den Italienern fasziniert die Poesie der Produkte, die trotzdem funktionieren (vielleicht, weil deren Stardesigner inzwischen auch tedeschi und inglese sind?). Bei Ingo Maurer ist es die radikale Umsetzung einer charmanten Idee ohne Zugeständnisse an TÜV oder Raumpflege-kräfte. Den Licht-Tüftlern bei Erco und Konsorten gelingt es immer noch, dieselbe kindlich-männliche Freude an technischer Perfektion auszulösen, die der deutschen Automobilbranche weltweit immer noch die Umsätze sichert. Und an serien.lighting? Zuerst ist es der stets perfekt ausgeführte Spagat: Zwischen dem Anspruch, dass nur ein funktional wirklich gutes und innovatives Produkt überhaupt eine Daseinsberechtigung am Markt hat (da Costa und Wolf sind extrem kompetente und grausame Design-Kritiker...). Und andererseits der strengen Maxime, dass keine noch so gute oder neue Idee je eine hässliche Ecke (nicht mal hinten, unten...) an ihren Produkten rechtfertigt.
Noch wichtiger scheint mir aber, dass aufgrund dieser Designauffassung immer wieder „beseelte“ unverwechselbare Produkte entstehen, die darüber hinaus noch mehr können als beleuchten. Take Five ist, wenn man so will, die Ikone der Veränderlichkeit; ihr Charakter bleibt dabei aber stets derselbe. Zoom ist die Weiterentwicklung des Prinzips: Mit der Veränderung ihrer Gestalt wandelt sich ihr Charakter. Jones kann in eine völlig andere Rolle schlüpfen, ohne Gestalt und Charakter zu ändern. Wir haben es hier mit Eier legenden Wollmilchsäuen zu tun, in der allerbesten Konnotation dieses Idioms.





